Warum ein Manuskript der Seele helfen kann

Veröffentlicht von am Okt 25, 2016 in Allgemein
Warum ein Manuskript der Seele helfen kann

Am Samstag war ich auf einem Symposium der vhs München im Gasteig: Verschwindet die Handschrift? Ausblick auf die Zukunft einer Kulturtechnik.

Als Kalligrafin, der mir die Handschrift und Schrift wichtigstes Hand-Werks-Zeug sind, war ich neugierig, wer sich und aus welchem Grund mit dem „Rückzug der Handschrift“ beschäftigt.

 

Die erste der vier Vortragenden, die Einblick in ihre fachliche und oder persönliche Sichtweise aus unterschiedlichen Perspektiven gaben, war Dr. Marie-Luise Brandi, Neurowissenschaftlerin. Ihr Kerninteresse gilt Lernprozessen und dem Zusammenwirken von Hand und Hirn. Ein komplexer Vorgang bei dem unterschiedliche Gehirnareale zeitgleich aktiv sind und gut koordiniert werden müssen. Insbesondere bei einer mit der Hand geschriebenen, schreibschrift-ähnlichen, verbundenen Schrift. Der deutlich umfangreichere Formenschatz – betrachten Sie einmal selbst Ihre Handschrift – erfordert, im Vergleich zu einer Druckschrift oder dem Tippen der Buchstaben am Rechner ein wesentlich größeres Bewegungsrepertoire. Der Lernprozess ist intensiver und zudem effektiver.

 

Geschriebenes wird besser im Gehirn verankert als Getipptes …

 

… so Dr. Brandi vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Ein Aspekt, der auch im Selbst-Coaching von Vorteil sein kann. In wie fern, dazu später mehr.

 

Aus Schulsicht betrachtete Ute Andresen vom Verein Allianz für die Handschrift, München, die Handschrift. Ihr Fokus gilt dem Schrifterwerb und Schriftgebrauch sowie dem Vergleich der Lateinischen Ausgangsschrift mit der derzeit gelehrten Vereinfachten Ausgangsschrift als Basis des Lernens der Schrift. Die Ausgangsschrift ist ein optisches Schriftmuster, das Schülern hilft, das Schreiben zu erlernen. Letztere Schrift scheint für die Kinder mehr Frust als Lust zu sein. Genug dazu.

 

Ein Aspekt, der im Rahmen der Vorträge sowie der anschließenden Talkrunde nur am Rande angesprochen wurde, und der für mich ein ganz wesentlicher Punkt ist:

 

Handschrift ist Ausdruck der Persönlichkeit und hilft der Persönlichkeit sich auszudrücken.

Dies trifft insbesondere dann zu, wenn es um eigenes Gedankengut geht. Nicht darum, sich eine Notiz zu machen oder das schriftliche Festhalten von Lernstoff.

 

Was entscheidet darüber, wie sich meine persönliche Handschrift entwickelt. Nicht, oder nur bedingt, welche Ausgangsschrift ich lerne oder welches Fach ich studiere. Es ist unser So-Sein, es sind unsere Werte und Bedürfnisse, die sich in unserer Handschrift widerspiegeln und Einfluss darauf haben, wie diese sich entwickelt, welches Schriftbild sie annimmt. Lieben wir Ordnung oder eher die freie Entfaltung. Mögen wir es gerne schlicht oder verspielt. Mit oder ohne den Glauben an die Grafologie – der Lehre von der Handschrift als Ausdruck des Charakters, die Handschrift ist so individuell wie wir.

 

Handschrift ist Eindruck und Ausdruck.

Beim Schreiben mit der Hand müssen wir – auch, um den zu Beginn beschriebenen komplexen Vorgang gut zu koordinieren – ganz bei uns sein. Im Moment sein. Sonst leidet – ggf. – entweder die Form oder der Inhalt.

Unsere innere Befindlichkeit, unsere Emotionen sind dabei nicht nur spürbar. Im Prozess des Schreibens verstärken oder entladen sie sich. Die Zeilen provozieren, besänftigen, priorisieren, kreieren und ordnen.

 

Diesen Prozess können auch Sie sich zu Nutze machen – als Prozess der Selbstreflexion …

… als Tool zum Selbst-Coaching. Schreiben Sie sich die Dinge von der Seele … mit der Hand. Die dabei ständig stattfindende Rückkopplung zwischen Hand und Gehirn, zwischen Gedanken und der Schreibbewegung, hilft sich „persönlicher“, emotionaler auszudrücken. Unsere Emotionen zeigen uns, was uns wichtig ist, entscheiden über unser Handeln oder nicht Handeln und helfen uns Klarheit zu bekommen.

 

Ein Grund, warum Rudolf Herfurtner, Autor – und der dritte Vortragende und Vorlesende – all die Erstfassungen seiner Romane mit der Hand schreibt.

 

hp.morningpages

 

Mir ganz persönlich haben die wochenlang sehr konsequent hand-geschriebenen „Morning-Pages“ – von Julia Cameron, aus „Der Weg des Künstlers“ – viel Klarheit, Erkenntnisse und überraschende Ideen geschenkt.

 

„… und manchmal reichen mir auch ein paar handgeschriebene Zeilen, um meine Gedanken, um mich selbst, wieder zu ordnen.“

 

Damit lege ich Ihnen als Kalligraphin und als Coach ans Herz, nehmen Sie öfter mal den Stift zur Hand für Ihr ganz eigenes Manuskript (lat. manu scriptum – das von Hand Geschriebene).